#LernMichKennen · Geschichte 07

„Bildung kann Türen öffnen, aber es kostet Anstrengung oder Geld“

Porträt: Nadine

„Du musst meine Meinung nicht teilen. Aber lern mich kennen, bevor du über mein Leben entscheidest.“

Wenn ich heute auf meinen Lebensweg zurückblicke, dann sehe ich nicht in erster Linie Abschlüsse, berufliche Stationen oder Karriereschritte. Ich sehe vor allem die Menschen, die mich geprägt haben, und die Herausforderungen, die mich stark gemacht haben.

Aufgewachsen bin ich gemeinsam mit meiner Mama in der damaligen DDR. Als die Grenzen fielen und sich Deutschland veränderte, wurde ich eingeschult. Wir hatten nicht viel Geld, aber meine Mutter hat mir etwas mitgegeben, das unbezahlbar war: den Glauben daran, dass Bildung Türen öffnen kann.

Schon als Kind habe ich gelernt, bescheiden zu sein. In der Schule war ich eher ruhig, wollte nicht auffallen und schon gar nicht sollte jemand merken, dass wir finanziell wenig hatten. Während andere selbstverständlich einen Computer zu Hause hatten, musste ich Freunde fragen, ob ich ihre Tastatur für meine Hausarbeiten nutzen durfte oder mal kurz etwas im Internet in der Abistufe recherchieren darf (kurz natürlich). Um mir kleine Wünsche erfüllen zu können, habe ich früh angefangen, neben der Schule zu arbeiten (Zeitungen austragen, Apotheke Regale einräumen, Diskothek).

Trotz aller Hürden konnte ich durch gute schulische Leistungen überzeugen und als Erste in meiner Familie das Abitur machen. Das war für mich weit mehr als ein Schulabschluss. Es war der Beweis, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheiden muss.

Bis heute beschäftigt mich das Thema Chancengerechtigkeit. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unangenehm es sein kann, wenn finanzielle Sorgen sichtbar werden. Wenn Kinder oder Jugendliche vor einer Klassenfahrt zur Lehrkraft gehen müssen, um einen Zuschussantrag unterschreiben zu lassen, dann hat das oft viel mit Scham zu tun. Deshalb wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der jedes Kind die gleichen Möglichkeiten erhält, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern.

Direkt nach dem Abitur habe ich einen mutigen Schritt gewagt und bin allein von Sachsen-Anhalt ins für mich völlig unbekannte Bayern gezogen. Am Ammersee absolvierte ich eine Ausbildung als Restaurantfachfrau. Dort habe ich entdeckt, wie viel Freude mir die Arbeit mit Menschen macht und wie wichtig echte Begegnungen, Zuhören und Verständnis sind.

Anschließend begann ich in München ein Studium der Sozialen Arbeit und war erneut die Erste in meiner Familie, die diesen Weg gegangen ist. Viele Jahre durfte ich Kinder, Jugendliche und Familien begleiten. Heute arbeite ich in der Eingliederungshilfe und lerne jeden Tag Neues dazu und begegne neuen Menschen. Besonders berührt mich dabei die Vielfalt menschlicher Lebenswege und die Möglichkeit, Menschen auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu unterstützen.

Meine Geschichte hat mich gelehrt, dass Mut oft leise ist und viel Anstrengung abverlangt. Manchmal zeigt er sich nicht in großen Worten, sondern darin, jeden Morgen aufzustehen, an sich zu glauben und den nächsten Schritt zu gehen, ohne groß darüber zu sprechen.

Deshalb begegne ich Menschen mit Respekt, Empathie und auf Augenhöhe. Denn ich weiß, wie wertvoll es ist, wenn jemand an einen glaubt. Und ich weiß, dass aus kleinen Chancen manchmal große Lebenswege entstehen.

Herzlichst,
Nadine (44) ❤️

Das ist ein Teil meiner Geschichte. Geschichte Nr. 7. Jetzt möchte ich deine kennenlernen.

#LernMichKennen #EineGeschichteAmTag #Perspektivwechsel

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