#LernMichKennen · Geschichte 08

„Gerade in den schwersten Momenten habe ich gelernt, wie gleich wir Menschen sind – und wie viel wir einander geben können.“

Porträt: Steffi

„Du musst meine Meinung nicht teilen. Aber lern mich kennen, bevor du über mein Leben entscheidest.“

Wenn ich darüber nachdenke, wer ich bin, gibt es darauf nicht die eine Antwort. Ich habe im Laufe meines Lebens viele unterschiedliche Rollen eingenommen: Ich bin Ehefrau & Mutter, Tochter & Schwester, habe studiert, gelernt und in verschiedenen Berufen gearbeitet. Doch ein Teil meines Lebens hat mich stärker geprägt als vieles andere: meine Arbeit in der Krisenintervention.

Dort habe ich erlebt, wie schnell sich ein Leben verändern kann. Manchmal innerhalb weniger Sekunden. Ein Unfall, ein plötzlicher Tod, ein Suizid – und plötzlich ist nichts mehr so, wie es vorher war. Nicht nur für einen Menschen, sondern für Familien, Freunde und ein ganzes Umfeld.

Ich durfte Menschen in diesen Ausnahmesituationen ein Stück begleiten – Erwachsene, aber vor allem auch Kinder und Jugendliche. Ich konnte nichts ungeschehen machen. Ich konnte nur da sein, zuhören, aushalten und versuchen, in einem Moment Halt zu geben, in dem die Welt eines anderen Menschen aus den Fugen geraten war.

Ein Gefühl aus dieser Zeit werde ich wahrscheinlich nie vergessen: vor einem Haus zu stehen, um eine Todesnachricht zu überbringen. Durch ein Fenster vielleicht schon einen kurzen Blick hineinzuwerfen und zu wissen: Wenn sich diese Tür öffnet, wird das Leben der Menschen dahinter nie wieder dasselbe sein.

Ich wusste vorher nicht, wer mir diese Tür öffnen würde. Welche Geschichte diese Menschen hatten, woher sie kamen, welchen Beruf sie ausübten oder welche Sprache sie sprachen. Und sobald sich die Tür öffnete, spielte all das auch keine Rolle mehr.

Wenn wir um einen Menschen fürchten oder einen Menschen verlieren, werden Herkunft, Status, Bildung oder Einkommen unwichtig. Dann wird sichtbar, wie gleich wir Menschen eigentlich sind. Wir sind Menschen, die lieben und gerade deshalb verletzlich sind.

Aber ich habe auch erlebt, wie viel Menschen füreinander sein können. Eine Hand, die gehalten wird. Jemand, der bleibt, wenn es keine Worte mehr gibt. Familie, Freunde oder manchmal völlig Fremde, die füreinander da sind. Das nimmt den Schmerz nicht weg. Aber es hilft, ihn nicht allein tragen zu müssen.

Darin liegt für mich etwas Hoffnungsvolles: Wir können nicht kontrollieren, was der nächste Moment bringt. Aber wir können beeinflussen, wie wir einander begegnen. Wir können hinsehen, zuhören und da sein.

Diese Erfahrungen haben mich demütig gemacht und mich gelehrt, mein Leben bewusster zu schätzen. Und sie haben mich vorsichtiger darin gemacht, andere zu beurteilen. Denn wir wissen nie, was ein Mensch gerade trägt oder welche Geschichte sich hinter einer Fassade verbirgt.

Was mir aus all diesen Begegnungen geblieben ist, ist deshalb nicht nur die Erfahrung von Verlust. Es ist vor allem die Erfahrung von Menschlichkeit.

In den entscheidenden Momenten sind wir nicht unser Beruf, unser Status, unsere Herkunft oder unser Lebenslauf. Wir sind Töchter & Söhne, Mütter & Väter, Großeltern, Geschwister, Partner und Freunde.

Wir sind Menschen. Wir sind alle gleich. Und vielleicht können wir uns gerade deshalb gegenseitig so viel geben.

Das ist ein Teil meiner Geschichte. Geschichte Nr. 8. Jetzt möchte ich deine kennenlernen.

#LernMichKennen #EineGeschichteAmTag #Perspektivwechsel

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