#LernMichKennen · Geschichte 05
„Ich habe gelernt, mich nicht mehr zu rechtfertigen. Ich bin Fatma. Fertig. Und ich stelle mir eine Welt vor, in der Menschen einfach von Menschen sprechen.“

„Du musst meine Meinung nicht teilen. Aber lern mich kennen, bevor du über mein Leben entscheidest.“
Fakten zu mir: Fatma Yilmaz, 42 Jahre alt, Mutter zweier Töchter und Tochter einer Gastarbeiterfamilie. Dieses Etikett erwähne ich bewusst, weil es meine Erfahrungen im Leben geprägt hat.
In der Grundschule musste ich erleben, dass Eltern der Gemeinde den Rektor unter Druck gesetzt haben, die Klassen zu teilen – eine Klasse nur für deutsche Kinder, eine für Kinder ausländischer Herkunft. Das wurde einfach hingenommen, weil keine der betroffenen Familien auffallen wollte. Nur eine Familie widersprach: meine. So wurde ich ab der dritten Klasse in der „deutschen“ Klasse weiterunterrichtet. Heute, wenn ich zurückblicke, hatte ich vielleicht Glück – aber was war mit meinen Freundinnen und Freunden? Hatten sie einfach Pech, weil sich ihre Familien nicht getraut haben?
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute: mich für andere einzusetzen, sie zu begleiten und – im besten Fall – so zu stärken, dass sich so etwas nicht wiederholt. Denn Mensch ist Mensch.
Als Sozialarbeiterin durfte ich in verschiedenen Bereichen Erfahrungen sammeln und Menschen begleiten, die sonst oft nicht gesehen werden. Auch hier wurde ich mit der Herkunft meines Namens konfrontiert: Eine Sachbearbeiterin vom Jugendamt sagte mir während eines fachlichen Austauschs über eine Klientin: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Das Kompliment konnte ich gut zurückgeben. Dann war Stille am Telefon.
Wenn ich meine Erfahrungen betrachte – und sicher die vieler anderer Menschen mit ähnlichem Hintergrund – waren wir vor allem damit beschäftigt, nicht aufzufallen, uns zu beweisen und eine gute Bildung zu genießen, um überhaupt die Chance auf Anerkennung zu bekommen. Bildung war einer der prägendsten Werte meiner Eltern. Meine Mutter ist Analphabetin, weil sie nach dem Tod ihrer Mutter nicht zur Schule gehen durfte, sondern ihre Geschwister versorgen musste. Für ihre eigenen Kinder hatte sie ein klares Ziel: ein guter Schulabschluss, eine Ausbildung, ein Studium. Warum? Damit wir uns nicht abhängig machen oder unterwerfen müssen – und damit wir der Gesellschaft etwas zurückgeben können. Das tun wir: im sozialen, pflegerischen und medizinischen Bereich, oder indem wir Unternehmen führen, die Arbeitsplätze schaffen.
Den Mut und die Ausdauer dafür haben wir von unserem Vater mitbekommen. Er kam als Gastarbeiter nach Aachen, war engagiert und motiviert, schnell die Sprache zu lernen – weil er erkannte, dass das der Schlüssel zu mehr Freiheit war, zum Beispiel um eine eigene Wohnung zu beziehen statt im Wohnheim zu leben. Kurze Zeit später machte er sich selbstständig – und ist es heute, mit 80 Jahren, immer noch. Warum? Nicht nur, weil er seinen Angestellten einen Arbeitsplatz bieten und weiterhin seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten möchte, sondern weil er genau so sozialisiert wurde: Er arbeitet bereits seit seinem siebten Lebensjahr.
Heute habe ich selbst zwei Töchter und möchte ihnen diese Werte weitergeben – nur nicht diesen einen: nicht aufzufallen, zu schweigen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich rechtfertigen müssen.
Ich habe gelernt, mich nicht mehr zu rechtfertigen, zu erklären oder zu entscheiden. Ich bin Fatma. Fertig. Ich bin Mutter und Sozialarbeiterin und arbeite für einen sozialen Träger, der sich Demokratie und Inklusion zur Aufgabe gemacht hat. Hier bringe ich meine Werte und meine Expertise ein, um Fachkräfte, Familien und Kinder zu begleiten, zu stärken und das gesamte System zu stabilisieren.
Ich bin Fatma, und ich habe nicht nur eine Heimat. Heimat bedeutet für mich, sich zu Hause zu fühlen. Ich fühle mich in Aachen, in Pähl und in der Türkei zu Hause. Warum? Weil ich mich nicht entscheiden muss. Genauso soll es auch meinen Mädels gehen. Ob Printen oder Brezel – beides schmeckt uns. Und natürlich auch die leckere Hausmannskost von Oma.
Ich stelle mir eine Welt vor, in der Menschen von Menschen sprechen. Dafür engagiere ich mich jeden Tag.
Das ist ein Teil meiner Geschichte. Geschichte Nr. 5. Jetzt möchte ich deine kennenlernen.